Diskussion
Willkommen zur Diskussion.
Wie schon am Start gesagt, denken wir uns diese Seite als gemeinsamen, offenen Prozess. Also ist hier der Raum, inhaltlich zu ergänzen, auf andere Aspekte hinzuweisen, eigene Beiträge zu verfassen. Wir können gern weitere Links und Inhalte in die Chronologie einbauen, dann bitte eine Mail an: leerstelle(at)die-leerstelle-verankern.de. Wir laden das dann hoch und hoffen sehr, dass diese Seite vielstimmig wird.
Bisherige Einträge: 5 - Einträge pro Seite: 10

Beitrag 5:

Montag, 24. Juni 2019 14:00
Author: Die Leerstelle - Kommentar 4
eMail:
Ort: Flensburg
Kommentare:

Beitrag 4:

Montag, 24. Juni 2019 13:57
Author: Die Leerstelle - Kommentar 3
eMail:
Ort: Flensburg
Kommentare:

Beitrag 3:

Montag, 24. Juni 2019 13:53
Author: Video Kommentar 2
eMail:
Ort: Flensburg
Kommentare:

Beitrag 2:

Montag, 24. Juni 2019 13:51
Author: Video Kommentar 1
eMail:
Ort: Flensburg
Kommentare:

Beitrag 1:
Die Leerstelle verankern

Einmal mehr möchte ich der Theaterwerkstatt Pilkentafel für ihre Hartnäckigkeit danken, mit der sie sich unbequemen Kapiteln unserer Stadtgeschichte widmet. Mit der heutigen Aktion wird ein neues Kapitel aufgeschlagen: die sicheren Mauern der Institutionen werden verlassen und der öffentliche Raum besetzt.

Verschiedenste Institutionen – die Europa-Universität, die Schleswigsche Sammlung der Dansk Centralbibliotek, das Schifffahrtsmuseum und natürlich die Theaterwerkstatt Pilkentafel selbst haben in den vergangenen Jahren die Verflechtungen der Stadt Flensburg in den kolonialen Kontext aufgearbeitet und dieses neu generierte Wissen ihrem jeweiligen Publikum zur Verfügung gestellt. Bücher wurden geschrieben, Theaterproduktionen sind entstanden, Symposien wurden abgehalten. Das sind alles kleine Erfolge.

Was aber bleibt, ist das diffuse Gefühl, dass allen Bemühungen zum Trotz, Leerstellen bleiben. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge erreichen kulturelle Angebote nur 25% der Gesellschaft. 75% haben – aus unterschiedlichsten Gründen – keinen Zugang. Diese Leerstelle soll heute als solche benannt werden.

Flensburg teilt eine gemeinsame Geschichte mit den ehemaligen dänischen Kolonien, den heutigen US-Virgin Islands. Ein intensiver Warentausch – Zucker und Rum gegen hiesige Produkte wie Ziegelsteine, Butter oder Salzheringe – hat beiderseits des Atlantiks Spuren in den jeweiligen Stadtbildern hinterlassen. Die Flensburger Kaufleute konnten ein reichliches Jahrhundert von einem menschenverachtenden System profitieren, sie waren, wenn auch keine Hauptakteure, so doch Trittbrettfahrer des Kolonialsmus’, die die Gunst der Stunde zu nutzen wussten.

Während sich bei uns dieses koloniale Erbe auf die Eigenwahrnehmung als „Rumstadt“ beschränkt, so sehen aus nachvollziehbaren Gründen die rund 100 000 Einwohner der USVI diese gemeinsame Geschichte weniger positiv. Für sie steht die erfahrene Unterdrückung, die Ausbeutung im Fokus – vor allem aber auch der Widerstand, der der Versklavung und Ausbeutung entgegengesetzt wurde.

Ein Symbol des Widerstandes ist eben dieses Muschelhorn. Die Versuche der Machthaber, jegliche Kommunikation der Versklavten untereinander zu unterbinden, waren nicht erfolgreich. Auf eben diesen Muschelhörnern, zu Hauf an den Stränden zu finden, wurde 1878 auf St. Croix im wahrsten Sinne des Wortes zum Angriff geblasen: die größte Arbeiterrevolte nahm ihren Anfang, die Stadt Frederiksted sowie rund 50 Plantagen wurden niedergebrannt. Die drei Anführerinnen, die sog. „Fireburn Queens“ wurden festgenommen und jahrelang im Kopenhagener Frauengefängnis festgehalten. Bis heute werden diese ungeduldigen Frauen auf den USVI als Heldinnen verehrt. Das Muschelhorn wurde zum Symbol des Widerstands. Denkmäler in den ehemaligen Kolonien halten die Erinnerung daran wach.

2016 erhielt Dänemark ein schwieriges Geschenk. Ein Nachguss der sog. „freedom statue“, die triumphierend das Kappmesser hochhält und auf dem Muschelhorn bläst, wurde anlässlich des bevorstehenden Centennials, dem Jahrestag des Verkaufs der ehemaligen dänischen Kolonien an die USA, an Dänemark geschenkt.
Eine Kommission wurde also gebildet um zu entscheiden, was mit diesem Denkmal geschehen solle. Man entschied sich für eine Art Wanderung; kurzzeitig war sogar Flensburg als möglicher Aufstellungsort im Gespräch. Es ist mir nicht gelungen herauszufinden, welche Stationen dieses Denkmal letztendlich gemacht hat und wo es sich heute befindet.

Denkmäler im öffentlichen Raum sind eben ein schwieriges Thema. Als 2011 der Idstedt-Löwe nach Flensburg kam und in Kopenhagen einen verwaisten Sockel zurückließ, lobte Kopenhagen einen Ideenwettbewerb aus, was damit geschehen solle. Der dänische Künstler Jens Galschiøt bewarb sich mit einem kleinen Bronzemodell zur Versklavung. Lebensgroße Menschen in Ketten sollten gebeugt im Karree gehen. Nach Einsendung des Exposes verschwand der Betonsockel über Nacht.

Dass es seit 2017 nun dennoch ein Denkmal im öffentlichen Raum in Kopenhagen gibt, ist nicht zuletzt auch dem Mut des Leiters der Antikensammlung zu verdanken. Das weithin sichtbare Werk I AM QUEEN MARY der Künstlerinnen La Vaughn Belle und Jeanette Ehlers, eine 7 m Plastik der besagten „Fireburn Queen“ Mary steht unmittelbar vor dem Museum auf Museumsgrund – und eben nicht auf öffentlichem Gelände.

Die Beziehung Flensburgs zu den USVI bei uns im öffentlichen Raum sichtbar zu machen, wäre eine gute Möglichkeit, die eingangs erwähnten 75 % der Nichtwissenden mit diesem Thema zu konfrontieren und unsere Leerstelle zu füllen. Dabei geht es weder um Schuldzuweisungen noch um Selbstgeißelung. Es geht um eine gemeinsame Anerkennung historischer Fakten, die als Basis für eine neue Ethik der Beziehung dienen kann.
Daraus kann nur Gutes erwachsen. Ich träume zum Beispiel ja immer noch von einer Städtepartnerschaft zwischen Flensburg und Charlotte Amalie.

So bedanke ich mich bei der Theaterwerkstatt Pilkentafel für diesen Vorstoß, die Leerstelle im öffentlichen Raum zu verankern. Und Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Mittwoch, 19. Juni 2019 12:46
Author: Susanne Grigull
eMail:
Ort: Flensburg
Kommentare: