Der Lauf der Dinge und seine unendlichen Verästelungen in zugegebener Maßen persönlicher und zufälliger Zusammenstellung

1493

Kolumbus „entdeckt“ eine Insel, die er St. Croix nennt. Danach „entdeckt“ er auch St. Thomas und St. John und nennt sie auf Grund ihrer Schönheit Jungfraueninseln. Eroberung heißt immer auch Benennung. Am Anfang war das Wort?

1516

Zum ersten Mal wird karibischer Zucker nach Europa verschifft. Schon Kolumbus hatte Zuckerrohr im Gepäck. Die Zuckerherstellung war schon lange bekannt, aber es fehlte ein geeigneter Ort für den Anbau. Den hatte man jetzt gefunden.

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1533

Afrikaner*innen werden in die Karibik gebracht, denn die „indianische Bevölkerung“ ist an den eingeschleppten Krankheiten, Hunger und den unmenschlichen Arbeitsbedingungen massenweise gestorben und will unter diesen Umständen auch keine Kinder gebären. Will man also weiter Zucker anbauen, müssen immer mehr Menschen aus Westafrika „importiert“ werden.

Leerstelle

Die Geschichte der Ureinwohner dieser Inseln ist mit ihnen verschwunden. Sie ist die Leerstelle hinter der Leerstelle.

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1625

Die westindischen Inseln werden offiziell spanische Kolonie.

1630

Engländer und Niederländer siedeln sich auf den Inseln an.

1645

Anbau, Ernte und Verarbeitung von Zucker müssen schnell aufeinanderfolgen, so ist die Zuckerplantage Landwirtschaft und Verarbeitung in einem. Sie ist das Modell für spätere Plantagen. D. h., in der Karibik, und nicht Europa, beginnt die Produktionsweise, die später Kapitalismus heißt. Nur mit dem Unterschied, dass hier Menschen Teil der Warenwelt sind. Der Dreieckshandel wird Geschäftsmodell.

1650

Die bis jetzt wenig bewohnten, spanisch westindischen Inseln mit werden nun französische Kolonie.

1652

Dänemark errichtet die „Christiansborg“ an der Goldküste im heutigen Accra (Ghana) und schafft sich damit eine Handelsstation, eine Burg, wie es schon viele andere an der Küste gab, in denen später auch Menschen wie Waren gelagert werden, ehe man sie in die Karibik verschifft. Diese Burgen hatten einen landseitigen Eingang, durch die Gefangenen hereingebracht wurden, und auf der Rückseite zum Strand die „door of no return“. Von hier wurden die Gefangenen direkt auf Schiffe geführt und verschwanden hinter dem Horizont. Nie kam jemand zurück, nie erfuhren die Zurückbleibenden, was mit ihnen geschehen ist D.h. nicht nur die versklavten Menschen sind Opfer, sondern ganze Familien, Dörfer, Gruppen müssen mit diesem Verlust und dieser Unsicherheit, dieser Leerstelle leben. Dieses Trauma ist bis heue an der westafrikanischen Küste präsent.

Leerstelle

Es lässt sich im Einzelnen nicht zurückverfolgen, welchen Menschen von wo aus Westafrika nach wohin verschleppt wurden, sie verloren ja ihre Identitäten und Namen auf dem Weg. Also sind die Spuren der Flensburger Kolonialgeschichte in Westafrika wie einzelne Tropfen im Ozean der Gräuel der Maafa aufgelöst und ebenfalls eine Leerstelle hinter der Leerstelle. Viele andere spätere Verbrechen der eigentlichen Kolonialzeit verdecken den Blick darauf.

1660

Nicht nur Könige essen jetzt Zucker, sondern auch andere Reiche präsentieren ihren Gästen bei Festessen ganze Landschaften mit Tieren, Gärten, aber auch Burgen aus Zucker. Zucker wird Statussymbol.

1666

Dänemark kauft die Insel St. Thomas in der Karibik, auf der 9 Holländer und 3 Dänen wohnen. Der von Friedrich III. ernannte Gouverneur Eric Niels Smit hisst zuversichtlich die dänische Flagge, den Dannebrog. Leider wird die Insel häufig von Piraten angegriffen und ist nicht wirklich nutzbar.

1670

Christian V. wird König und will die Besiedlung und Ausbeutung der Kolonien vorantreiben. Ein neuer Gouverneur, Jørgen Iversen Dyppel, macht sich mit 190 Verbannten und 62 Strafgefangenen zur Wiederbesiedlung der Insel auf den Weg. Die Dänen, soweit sie die Überfahrt überlebt haben, errichten die erste ständige Siedlung und importieren Afrikaner*innen als Sklaven. Die in der Folge rasch wechselnden Gouverneure verstehen ihre Machtposition eher als eine Einladung zur Piraterie und Willkürherrschaft.

1674

St. Croix ist in französischem Besitz.

1679

Auf St. Thomas leben 156 Weiße, 175 Sklaven, 3 freie Schwarze und ein Ureinwohner. Die Besiedlung kommt nicht wirklich voran.

1680

Der Naturhafen auf St. Thomas ist ein beliebter Umschlagplatz für den Sklavenhandel. Christian V. benennt den Hafen nach seiner Frau Charlotte Amalie. So heißt die Stadt noch heute, wie alle Städte auf den Inseln bis heute dänische Namen haben. So prägt die dänische Kolonialzeit bis heute das Selbstverständnis der Bewohner*innen der Inseln.

1683

Otto Friedrich von der Groeben lässt mit einem militärischen Zeremoniell die brandenburgische Flagge auf einem Hügel in der Nähe des Dorfes Poquesoe an der Goldküste hissen. Damit wird der Grundstein für die zukünftige Burg gelegt und zu Ehren des preußischen Königs Groß-Friedrichsburg genannt. Die afrikanische Bevölkerung ist vertraglich verpflichtet, Frondienste zu leisten und ausschließlich mit den Brandenburgern Handel zu treiben. Dafür stehen sie unter dem Schutz der Brandenburger. Fragt sich bloß, vor wem, außer den Brandenburgern, sie geschützt werden müssen. Dänemark und Brandenburg kooperieren, drei Jahrzehnte lang beliefern brandenburgische Schiffe die westindischen Inseln mit verschleppten Arbeitskräften, aber auf Grund von Konkurrenz misslingt die Zusammenarbeit.

1689

Der Flensburger Johann Lorentz wird Gouverneur auf St. Thomas und Siedler aus Schleswig kommen auf die Inseln.

1718

Der Dannebrog wird auch auf St. Jan gehisst, das auf Grund seiner bergigen Landschaft für den Zuckeranbau nicht sehr geeignet ist. Die Arbeitsbedingungen für die Sklaven sind noch härter. Heute wird die Insel fast ausschließlich für Luxustourismus genutzt.

1720

Der brandenburgische König verkauft Groß Friedrichsburg für 7200 Dukaten und 12 Mohren an die niederländische Compagnie. Als die Holländer mit einer Flotte erscheinen, verweigert der afrikanische Verwalter Jan Conny die Übergabe: er führe die Verwaltung im Namen des Königs von Preußen und nur auf seinen persönlichen Befehl würde er die Burg übergeben. Die Holländer greifen an, Jan Conny wehrt sich, und es kommt zu vier Jahre währenden kriegerischen Auseinandersetzungen. In dieser Zeit betreibt Jan Conny einen profitablen Handel mit den verschiedensten Nationen und lässt es sich gut gehen. Die koloniale Propaganda des 19. Jahrhunderts und auch die der Nationalsozialisten feiert ihn als schwarzen Helden der „Treue zu Preußen“. In Westafrika geht bis heute die Legende, er sei im Busch verschwunden und dann als Rastafari in Jamaika wiederauftaucht.

1733

Dänemark kauft St Croix von Frankreich und schon bald wird diese Investition „als einer der größten Steine in der Krone Eurer Majestät“ bezeichnet. St Croix ist geographisch für den Zuckeranbau viel geeigneter und wird zum Zentrum des Zuckeranbaus. Eine reguläre, systematische und lukrative Plantagenwirtschaft entsteht. Gouverneur Gardelin auf St. Thomas erlässt ein Strafreglement für Sklaven, das ihnen dreimal im Jahr zur Abschreckung vorgelesen wird. Darin steht: „Der Gouverneur hört es nicht gern, dass die Neger, die von Gott selbst zu Sklaven gemacht sind, nicht nur ihre Pflichten gegenüber den Weißen versäumen, sondern sich ungehorsam aufführen gegenüber ihren Herren und Herrinnen, deren Geld sie doch sind.“ In der Folge sind viele Strafen aufgezählt, die bei Weglaufen und Widerstand anzuwenden sind: Zwicken mit heißen Zangen, Amputationen von Gliedmaßen, Schläge mit der Peitsche oder Erhängen. Zur Verurteilung reicht die Aussage eines weißen Christen.

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1755

In Flensburg schließen sich etliche Kaufleute zur „Handlungsgesellschaft auf St. Croix in Westindien“ zusammen und beteiligen sich am transatlantischen Zuckerhandel. Flensburger Schiffe bringen Zucker, Melasse und Rohrum nach Flensburg und Güter des täglichen Bedarfs, Nahrungsmittel, (sogar gesalzene Heringe) Stoffe, Ziegel, Werkzeug etc. auf die Inseln. Aus den Ziegeln werden die „dänischen“ Häuser auf den westindischen Inseln gebaut, die heute noch den eigentümlichen Charme von Charlotte Amelie ausmachen (eine tropisch-dänische Kleinstadt). In Flensburg werden aus den gleichen Ziegeln Zuckerraffinerien und Handelshäuser gebaut und es wird reich durch den Handel und die Verarbeitung des unter unmenschlichen Bedingungen angebauten und produzierten Rohzuckers. Am Sklavenhandel selbst dürfen sie sich nicht beteiligen, Kopenhagen behält sich dieses Recht vor. Dieses Verbot verschafft den Flensburger Händlern und Profiteuren bis heute eine moralische Reinwaschung.

1758

Der Französische Moralist Helvètius schreibt: “Kein Fass Zucker, das nach Europa gelangt, an dem nicht Blut klebt“. Also konnte schon damals jeder wissen, dass Gewalt die Grundlage des eigenen Reichtums war.

1762

Der Zuckerhof in Flensburg nimmt den Betrieb auf. Bis heute prägen die Bauten dieser Zeit das Stadtbild und machen ein gutes Stück des Charmes und der Lebensqualität Flensburgs aus. Sie erzählen stumm die Geschichte der tüchtigen Kaufleute, die wir so gern den Touristen und Besuchern zeigen, auf die wir so stolz sind.

1769

Allein auf den vier Plantagen Schimmelmanns arbeiten ungefähr 1000 Versklavte. Weil unter den unmenschlichen Bedingungen mehr Arbeiter*innen sterben als geboren werden, müssen ständig neue gekauft werden. Allein die 4 dänischen Schiffe Christiansborg, Fredenborg, Ada und Elenora transportieren von 1766- 1772 2132 Versklavte von Westafrika in die Karibik, 179 sterben auf den Schiffen. Die Menschen werden Waren, deren Wert genau beziffert wird und in den Buchhaltungen verzeichnet wird. Trotzdem lässt sich eine exakte Zahl der insgesamt im sogenannten transatlantischen Sklavenhandel deportierten Menschen nicht genau festlegen. Schätzungen gehen von 12 Millionen aus. Was wir transatlantischen Dreieckshandel nennen, wird von den Betroffenen mit dem Suaheli Wort für großes Desaster Maafa bezeichnet.

Leerstelle

Das Wort transatlantischer Dreieckshandel steht weiter in jedem Schulbuch. Wer kennt das Wort Maafa?

1765

„Begabte Sklaven“ werden von Schimmelmann nach Dänemark geholt um dort zu Tischlern ausgebildet zu werden, und ihren Herren auf den Inseln standesgemäße Möbel bauen zu können.

1770

Der Flensburger Kaufmann Christian Andresen verbringt ein Jahr auf St. Croix und verhandelt direkt mit den Plantagenbesitzern, also hat er auch gesehen, wer auf den Plantagen arbeite, weiß also wessen Blut, Schweiß und Tränen an jedem Fass Zucker klebt. Er wird als Prototyp des tüchtigen Kaufmanns in die Flensburger Geschichte eingehen. Wir „verdanken“ ihm den Christiansenpark.

1773

Die Zahl der auf den Plantagen auf St Croix arbeitenden Sklav*innen steigt auf 21.698 Bei dieser Größenordnung wird es lange bleiben.

1777

Die Mahagoniwälder auf St. Croix sind weitgehend abgeholzt. In Flensburg entstehen aus dem Holz wertvolle Möbel, die stilbildendend für das Bürgertum werden. Diese Möbel werden wieder auf die westindischen Inseln exportiert.

1783

In Flensburg gibt es jetzt 17 Schiffe für die „Westindienfahrt“ und 43 Unternehmungen. Hans Dethleffsen gründet eine Handelsniederlassung auf St. Thomas und kooperiert eng mit Schimmelmann. Für viele Jahre wird der Zuckerhandel das dominierende Gewerbe in Flensburg.

Leerstelle

Spricht er auch mit denen, die das Zuckerrohr anbauen und verarbeiten? Gibt es Aufzeichnungen der Flensburger Kaufleute, in denen sie darüber nachdenken? Oder bleiben uns nur die romantisierend wohlmeinenden Briefwechsel und Überlegungen der Schimmelmanns und Reventlous, die sich um das Seelenheil der „Negerkinder“ sorgen?

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1789

Die Französische Revolution erklärt die Menschenrechte: „Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es. Die Freiheit besteht darin, alles tun zu dürfen, was einem anderen nicht schadet.“ Das gilt aber nicht für schwarze Menschen.

Die Erklärung der Menschenrechte gilt als Beweis für die Überlegenheit der westlichen Zivilisation, sie ist nach dem Christentum das Fundament der Burg der weißen Überlegenheit.

1791

In der französischen Kolonie St. Domingo wird der Regenwald so nachhaltig abgeholzt, um immer mehr Plantagen zu schaffen, dass Haiti noch heute Hurrikans und Überschwemmungen schutzlos ausgeliefert ist. Den 40.000 versklavten Arbeiter*innen wird bewusst, dass sie die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung stellen und sie beginnen sich unter der Führung von François-Dominique Toussaint L’Ouverture zu wehren. Es kommt zu Massakern an der weißen Bevölkerung, zur Abschaffung, Wiedereinführung und erneuten Abschaffung der Sklaverei. Ganz Europa bekommt „Angst vorm Schwarzen Mann“. Frankreich versucht mit massivem Truppeneinsatz die Revolution zu beenden. Für die Kosten dieses Einsatzes wurde musste die Kolonie selbst aufkommen. Paradoxerweise zahlt Haiti immer noch für die französische Invasion.

1792

Dänemark beschließt die Abschaffung des Sklavenhandels (nicht der Sklaverei) in 10 Jahren. Bis dahin sollen die Geburtenrate und die Lebenserwartung der Arbeiter*innen so erhöht werden, dass die „Einfuhr neuer Sklaven“ überflüssig wird. Das gibt ein großes Gefühl von moralischer Überlegenheit. An den konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen ändert sich nichts.

1802

Die 10 Jahre sind vergangen, weder Geburtenrate noch Lebenserwartung haben sich verbessert. Obwohl der Sklavenhandel jetzt offiziell verboten ist, werden von 1803 bis 1807 10 000 Menschen aus Afrika verschleppt. Alles geht weiter wie bisher.

1803

Die Flensburger Branntweinhersteller veredeln immer mehr Rum, der anfangs nur ein Nebenprodukt der Zuckerherstellung war, sich aber zunehmender Beliebtheit erfreut. Flensburg wird Rumstadt.

Leerstelle

Dieses Label war lange dieser Ausdruck einer wirtschaftlichen Tatsache, das ist längst vorbei, aber es erscheint weiter marketingtauglich.

1804

Wurde Haiti als erster Staat mit farbiger Bevölkerung unabhängig. Aber trotz oder wegen dieser Vorreiterrolle ist Haiti noch heute das ärmste Land des amerikanischen Kontinents.

1808

England verbietet ebenfalls den Sklavenhandel. Hier nahm die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei ihren Anfang. Englische Hausfrauen hatten aus moralischen Gründen auf Zucker in ihrem Tee verzichtet. Nicht aber auf Tee!

1815

Auf dem Wiener Kongress wird von allen europäischen Mächten der Sklavenhandel verboten. Das bedeutet natürlich nicht, dass er abgeschafft ist, denn die Sklavenhändler setzen ihre Geschäfte illegal fort und eine wirkliche Kontrolle ist nicht möglich. Aber Europa feiert sich moralisch für das Verbot des Sklavenhandels als Baustein weißer Überlegenheit.

Leerstelle

Wer außerhalb von Europa wusste etwas von diesem Kongress und diesem Beschluss?

1820

Die Goldküste wird britische Kronkolonie. Seit dem 17. Jahrhundert reihten sich die Burgen fast aller europäischer Mächte (Portugiesen, Engländer, Niederländer, Brandenburger, Schweden, Dänen) so dicht aneinander, wie in keinem anderen Gebiet Afrikas. Jetzt bringen die europäischen Mächte langsam Ordnung auf den afrikanischen Kontinent.

1828

Der dänische Generalgouverneur auf den westindischen Inseln Peter von Scholten führt Regelungen ein mit denen die Lage der versklavten Arbeiter*innen auf den westindischen Inseln verbessert wird.

1834

In England tritt der Slavery Abolition Act in Kraft und alle Sklaven im britischen Kolonialreich werden für frei erklärt. Die enttäuschten Plantagenbesitzer (Plantagenbesitzerinnen? was ist gendergerechte Sprache in einer männlich dominierten Geschichte?) investieren ihre Entschädigungen lieber im Heimatland, und entziehen so den ehemaligen Kolonien Kapital und Entwicklungsmöglichkeiten. Bis heute sind die britischen Historiker so stolz auf die Abschaffung der Sklaverei, dass der Historiker Eric Eustace Williams aus Trinidad und Tobago spottete: „Die britischen Historiker schrieben beinahe, als ob Großbritannien die Negersklaverei eingeführt hätte, um nachher die Befriedigung haben zu können, sie wieder abzuschaffen.“

1837

In Flensburg wird nun 1 Million Liter Roh Rum verarbeitet.

1840

König Christian der VIII. verkündet: In seinem Reich sollen alle Menschen frei geboren werden. Das meint aber erstmal nur die Neugeborenen. Keiner weiß wie das umzusetzen ist. Es passiert nichts. Für Flensburg ändert das auch nichts.

Leerstelle

Wem wurde das verkündet? Wer sprach in dieser langen, komplexen Debatte mit wem? Die endlosen Diskussionen über die Abschaffung der Sklaverei werden unter Weißen geführt, die Handlungsimpulse kommen von der anderen Seite. Sind aber, weil sei nicht schriftlich stattfanden, kaum dokumentiert.

1847

König Christian der VIII verkündet die Aufhebung der Sklaverei – in 12 Jahren. Von Scholten verkündet dies auf der Insel und es passiert doch etwas, die Arbeiter*innen werden ungeduldig.

1848

Im Revolutionsjahr stirbt König Christian VIII, Frederik VII folgt. Die schwarzen Bewohner*innen insbesondere auf St. Croix wollen nicht mehr warten, sondern fordern die sofortige „emancipation“. Moses Robert, Martin Williams und John Gottlieb rufen zum Generalstreik auf, und am 2. Juli ziehen 5000 Männer und Frauen mit Klappmessern und Stöcken, Schreien und Muschelhörnern nach Fredrikstedt und drohen mit Brandstiftung. Von Scholten steigt, um die Menge zu beruhigen, auf eine Mauer und sagt den legendären, folgenschweren Satz: „Now you are free, you are hereby emancipated“. Dieser Satz schafft unumkehrbare Tatsachen. Auch für von Scholten: Er muss vor einen Untersuchungsausschuss in Kopenhagen und ihm wird seine Pension entzogen, was angesichts seines großspurigen Lebensstils dramatisch ist.

Leerstelle

Ich finde weit mehr Texte über von Scholten, seine Konflikte mit der Krone, die dänischen Diskussionen, als über den Generalstreik und seine Anführer. Alle Dokumente dieser Geschichte liegen in den Archiven Kopenhagens. Wenn Wissenschaftler*innen der Virgin Islands ihre Geschichte recherchieren wollen, müssen sie erstmal einen Flug nach Kopenhagen zahlen.

1848

Auch die Möbelherstellung auf den Inseln emanzipiert sich von den europäischen Vorbildern und entwickelt einen eigenen Stil, der eine Rückanbindung an afrikanische Kultur ermöglicht. Hier entsteht eine hybride Kultur.

1849

Die Arbeiter*innen sind jetzt frei. Frei weiter auf den Plantagen schwer zu arbeiten, frei auf den Feldern und Zuckersiedereien zu schwitzen, frei, in den selben miesen kleinen Hütten zu wohnen, frei jedes Jahr eine neuen Vertrag für ein Jahr zu bekommen, frei bei Ungehorsam, Faulheit, Widerstand, Krankheit eben keinen Vertrag zu bekommen und dann ganz frei zu sterben.

1850

Das System der Zuckerplantage hat seinen Höhepunkt überschritten, die Böden sind ausgelaugt, der Absatz an Zucker lässt sich nicht mehr steigern. Zucker ist so billig, dass er für die englischen Arbeiterfamilien, in denen niemand mehr Zeit hat zu kochen oder Gemüse anzupflanzen, zum Grundnahrungsmittel wird. So können schnell viele Kalorien aufgenommen werden. Brot, das mit stark gesüßtem heißem Tee eine warme Mahlzeit wird, ist oft das einzige Nahrungsmittel. So bedingen sich die Armut und Ausbeutung auf den verschiedenen Kontinenten gegenseitig.

1865

H. C. Brodersen baut den Handel mit Mahagoni von der Karibik nach Flensburg und Möbeln von Flensburg in die Karibik aus.

1857

Der Zucker aus der einheimischen Zuckerrübe wird billiger als der aus Zuckerrohr, lohnt sich die Sklaverei nicht mehr, und man kann sie aus moralischen Gründen abschaffen.

1864

Nach dem Sieg Preußens über Dänemark gehört Flensburg nicht mehr zu Dänemark, und verliert so auch das „Privileg“ des Handels mit den dänisch-westindischen Inseln. Dafür blüht jetzt der Handel mit Jamaika, damit es weiter „Flensburger“ Rum gibt.

1876

Im Oktober werden die neuen einjährigen Arbeitsverträge für die Arbeiter*innen auf St. Croix unterschrieben. Die Arbeiter*innen verlangen höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Die anfangs friedlichen Proteste eskalieren, es werden Steine geworfen. Die dänischen Soldaten erlangen trotz des Einsatzes von Schusswaffen nicht die Oberhand und verbarrikadieren sich in der Festung. Die Protestierenden beginnen Häuser und Farmen anzuzünden. Frederikstedt wird weitgehend zerstört und der Aufstand erhält den Namen "fireburn". Drei Frauen Queen Mary, Queen Agnes und Queen Mathilda gelten als die Anführerinnen, ihr Andenken ist immer noch präsent. Kriegsschiffe kommen zu Hilfe und der Aufstand wird niedergeschlagen, 60 schwarze Arbeiter, 12, Frauen und 2 Soldaten kommen ums Leben und die Arbeitsbedingungen und vor allem die Machtverhältnisse bleiben unverändert. Der "fireburn" ist der größte Arbeiteraufstand in der dänischen Geschichte.

Leerstelle

Der Fireburn spielt weder in der Geschichte der Arbeitskämpfe noch der Frauenbewegung eine herausragende Rolle. Wussten Sie davon?

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1884

Auf der Berliner Konferenz, auch Kongokonferenz genannt, teilen die europäischen Mächte Afrika unter sich auf. Die damals gezogenen Grenzen bestimmen noch heute die afrikanischen Staaten und trennen willkürlich Ethnien oder fassen sie genauso willkürlich in einem Staat zusammen.. Leopold der II. von Belgien erhält wie gewünscht den Kongo als seinen Garten, den er nie betreten wird den er aber sehr effektiv verwüstet, dessen Bevölkerung zu einem Großteil umkommt. Dänemark ist nicht mehr dabei. Deutschland erhält Deutsch-Südwest (Namibia) Deutsch-Ostafrika (Tansania), Togo und Kamerun. Flensburg und die Region hat nun Anteil an der deutschen Kolonialgeschichte.

1898

Pottrum wählt das Flensburger Nordertor als Logo für sein Produkt und festigt so die Verbindung von Flensburg und Rum.

1902

Die USA beginnen sich für den Hafen Charlotte Amalie zu interessieren, und verhandeln mit Dänemark über den Verkauf der Insel. Die Pläne scheitern an den konservativen Kräften in Dänemark, die nicht wollen, dass Dänemark noch kleiner wird.

Leerstelle

Wir wissen nicht, was die Bevölkerung der westindischen Inseln dazu sagt, wussten sie überhaupt davon, dass sie noch einmal verkauft werden sollen?

1905

Sönke Nissen aus Nordfriesland baut in Deutsch Südwestafrika Eisenbahnen, findet Diamanten und wird ein reicher Mann. Gleichzeitig findet der Völkermord an den Nama und Herero statt. Sönke Nissen schafft sich mit der Eindeichung des Sönke Nissen Koogs eine bleibende Erinnerung nicht nur in Nordfriesland, immer noch heißen Schulen und Straßen nach ihm. Die Höfe im Sönke Nissen Koog heißen nach den Stationen einer Bahnstrecke in Namibia.

Leerstelle

Die deutsche Kolonialgeschichte hatte immer auch lokale Protagonisten und Täter. Immer noch wird dieses Kapitel unserer Geschichte nicht angemessen vermittelt. Dass Deutschland schon 1918 die Kolonien an andere europäische Machte abtreten muss, macht die Taten dieser Zeit nicht besser.

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1905

Queen Mary stirbt in Frederikstedt.

1915

Es wird für das neutrale Dänemark schwierig, die Verbindung mit der karibischen Kolonie aufrechtzuerhalten. Um die sozialen Unruhen unter der schwarzen Bevölkerung zu unterdrücken, wird der Kreuzer Valkyrien nach Westindien entsandt.

1916

Trotzdem kommt es zum Generalstreik auf den westindischen Inseln. Die USA und Dänemark einigen sich auf einen Verkauf von Dänisch-Westindien. Wieder gibt es Proteste der dänischen Nationalisten. Es kommt zur ersten Volksabstimmung in Dänemark und eine Mehrheit stimmte am 14. Dezember 1916 für den Verkauf Dänisch-Westindiens an die USA.

Leerstelle

Es gab keine Abstimmung auf den westindischen Inseln. Wurden sie in die Verhandlungen mit einbezogen? Wussten sie überhaupt davon?

1917

Am 1. April 1917 wechselten die Inseln für 25 Millionen Dollar den Besitzer. Die US Virgin Islands sind nicht inkorporiertes Außengebiet der USA. Die Bewohner wurden nicht dazu befragt. Sie sind seit dem US-Bürger ohne volle Bürgerrechte. D.h. sie haben kein Wahlrecht bei nationalen Wahlen, keine Vertretung, sondern nur einen Beobachter in Senat und Kongress, sie zahlen aber Steuern und werden zum Wehrdienst einbezogen.

Leerstelle

Bei Wikipedia stehen unter dem Stichwort „Kultur“ auf den US Virgin Islands lediglich Feiertage, unter anderem: Tag des Präsidenten (Gedenktag an die Geburt von George Washington und Abraham Lincoln) ; Umschreibungstag (der Jahrestag des Verkaufs an die USA), Tag der Erinnerung zu Ehren an die im Krieg gefallenen Soldaten, wenigstens am 3. Juli Tag der Emanzipation zum Ende der Sklaverei, aber dann am 4. der Unabhängigkeitstag der USA, der Kolumbustag und den Tag der Kriegsveteranen, aller Kriegsveteranen der USA! Es gib keinen Feiertag für den „fireburn“. Auch ansonsten finde ich kaum Informationen über die Entwicklung auf den Virgin Islands. Bewohner der Inseln waren aber an den Kriegen der USA beteiligt.

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1954

Kai-Uwe von Hassel wird schleswig-holsteinischer Ministerpräsident. Er ist auf einer deutschen Farm in Ostafrika geboren, entstammt einer Familie, die auf vielfältige Weise von der deutschen und dänischen Kolonialgeschichte profitiert hat. Sein Vater erhielt als Kommandant der Schutztruppen in Deutsch Ostafrika für den brutalen Einsatz im Maji-Maji Krieg den Roten-Adler-Orden.

1957

Ghana wird als erstes afrikanisches Land nach einem langen Befreiungskampf unabhängig. Es heißt nun auch nicht mehr Goldküste, sondern kehrt zu dem Namen zurück, der einst das erste Reich in Westafrika bezeichnete. Kwame Nkrumah ist eine der prägenden Figuren des afrikanischen Befreiungskampfes seiner Generation.

1959

Infolge des Embargos der USA gegenüber Kuba werden die Virgin Islands ein immer beliebteres Ziel für Touristen.

1963

Kai-Uwe Hassel wird nach der Spiegelaffäre Verteidigungsminister und in der Folge Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte. Er gilt auf Grund seiner Afrikakenntnisse als „Vater der deutschen Entwicklungshilfe“. Er ordnete ein Staatsbegräbnis für den General Lettow–Vorbeck, der für deutsche Kontinuitäten vom Völkermord an den Herero über die Verteidigung von Deutsch Ostafrika im 1. Weltkrieg, Kappputsch und Freikorps auf direkten Weg zum Nationalsozialismus führt und auch danach die deutsche Kolonialzeit glorifiziert und die Apartheid in Südafrika verteidigt.

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1970

Der Gouverneur der Virgin Islands wird jetzt gewählt und nicht mehr vom Präsidenten der USA bestimmt.

1998

Das Flensburger Spirituosenhaus Dethleffsen, das eine überragende Stellung im deutschen Markt hat, verkauft sein Unternehmen und Flensburg ist wirtschaftlich betrachtet keine Rumstadt mehr. Das Kapital bleibt in der Familie und wird in einer Holding gehalten.

2010

Der auf den Virgin Islands erarbeitete Verfassungsentwurf wird unter der Präsidentschaft von Obama vom Kongress der USA endgültig abgelehnt. Seitdem kommt die Entwicklung die rechtliche Situation zu verbessern, die Inseln zu dekolonisieren nicht voran.

2012

Das Schifffahrtsmuseum Flensburg erweitert seine Räumlichkeiten und richtet die Dauerausstellung Slaven, Zucker Rum ein, die den Auftakt zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte macht. Die Ausstellung wird noch einmal umbenannt in Zucker, Rum, Sklaverei. Dies ist der späte Beginn einer kritischen Betrachtung der Flensburger Kolonialgeschichte.

2014

2,5 Millionen Tourist*innen kommen auf die Virgin Islands, die meisten allerdings mit Kreuzfahrtschiffen, d.h. sie lassen wenig Geld auf den Inseln. Trotzdem hat der Tourismus einen Anteil von 60% am Bruttosozialprodukt. Allerdings leben 30% der Bewohner*innen unter der Armutsgrenze. Auf den Inseln leben etwa 100.000 Menschen, die meisten sind afro-karibischer Herkunft.

2017

Auf Einladung des Schifffahrtsmuseum Flensburg kuratiert die Jamaikanische Aktivistin und Wissenschaftlerin Imani Tafari Ama die Ausstellung „Rum, Schweiß und Tränen“ und es wird das erste Mal die Flensburger Kolonialgeschichte aus afrokaribischer Sicht dargestellt.

2017

Die Künstlerinnen LaVaughn Belle und Jeanette Ehlers installieren eine 7 Meter hohe Statue „I am Queen Mary“ in Kopenhagen vor dem Westindienspeicher.

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2018

Das umfangreiche Buch „Sønderjylland-Schleswig Kolonial“ herausgegeben von Marco Petersen erscheint. Hier ist der aktuelle Stand der regionalen Kolonialgeschichte zusammengefasst.

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Wir können gern weitere Links und Inhalte in die Chronologie einbauen, dann bitte eine Mail an: leerstelle(at)die-leerstelle-verankern.de. Wir laden das dann hoch und hoffen sehr, dass diese Seite vielstimmig wird.